„Wissenswelten neu gestalten“ — Eindrücke vom 5. BID-Kongress in Leipzig

Vom 11. bis 14. März fand in Leipzig der 5. Bibliothekskongress unter dem Motto „Wissenswelten neu gestalten“ statt. Neben den wie immer äußerst interessanten Randgesprächen, habe ich mich in diesem Jahr den Themenfeldern „Forschungsdokumentation“, „Zukunft der Verbünde“ und „neue Wege in der Erschließung“ gewidmet.

Die Rolle der Bibliotheken bei der Forschungsdokumentation
Jede wissenschaftliche Einrichtung stellt an sich den Anspruch, nach den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis zu arbeiten. Hierzu heißt es beispielweise in den Regeln für die TU Dortmund:

Hierzu gehört es, lege artis zu arbeiten, korrekte Angaben zu machen, geistiges Eigentum anderer zu achten sowie andere in ihrer Forschungstätigkeit nicht zu beeinträchtigen. […]
Im Zusammenhang der Veröffentlichung schließt dies insbesondere Folgendes ein:
– Die nachvollziehbare Beschreibung der angewandten Methoden,
– die vollständige Dokumentation aller im Forschungsprozess erhobenen und für die Veröffentlichung relevanten Daten,
– eine nachprüfbare Darstellung der Forschungsergebnisse […]

Neben dieser grundlegenden Motivation für die Forschungsdokumentation müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wieder für verschiedenste Zwecke ihre Forschungsaktivitäten neu erfassen und dokumentieren. Genannt seien hier beispielhaft Akkreditierungen, externe Evaluationen, aber auch bei der Beantragung von Projekten, Sonderforschungsbereichen und Exzellenz-Clustern. Wie wichtig ein einheitliches Vorgehen bei der Forschungsdokumentation ist, zeigt auch das vor wenigen Wochen veröffentlichte Papier „Empfehlungen zu einem
Kerndatensatz Forschung
“ des Wissenschaftsrates.
Seit Jahren unterstützen Bibliotheken einen Teilaspekt der Forschungsdokumentation durch die Bereitstellung von institutionellen Repositorien für die Veröffentlichung von Dokumenten.
Allerdings ist bekannt, dass eine weitreichende Nutzung durch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den meisten Fällen bisher nicht zu beobachten ist. Die Session „Quo vadis Repositorien in Deutschland?“ – veranstaltet von der DINI-AG Elektronisches Publizieren (12.03.2013 13:30-17:30) – ging daher der Frage nach, wohin die Reise mit den institutionellen Repositorien geht.
Nach der Vorstellung weiterer Ergebnisse aus dem „Census der Open Access Repositorien in Deutschland 2012“ (erste ernüchternde Ergebnisse wurden bereits auf der InetBib-Tagung in Berlin vorgestellt), wurde durch weitere Impulsreferate der Trend erkennbar, dass institutionelle Repositorien immer häufiger als für sich stehende Systeme abgelöst werden und viel mehr als Teil einer Plattform zur Forschungsdokumentation eingesetzt werden. So wurden Systeme gezeigt, die als Bibliographien die Publikationsleistungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einer Einrichtung möglichst vollständig dokumentieren und das Repositorium im Hintergrund „nur noch“ die zugehörigen Dokumente liefert. Rund um diese Bibliographien lassen sich wesentlich leichter Mehrwertdienste anbieten, die den Forschenden u.a. bei der Zusammenstellung von Publikationslisten für die verschiedensten Anwendungszenarien unter die Arme greifen.
In der Session „Forschungsdaten sammeln und strukturieren“ (12.03.2013 09:00-12:00) wurde der Trend zu allumfassenden Plattformen zur Forschungsdokumentation ebenfalls sichtbar, wobei hier noch der Aspekt der Sammlung und Aufbewahrung von Forschungsdaten hinzukam.

Was die Rolle von wissenschaftlichen Bibliotheken beim Aufbau von virtuellen Forschungsumgebungen angeht, gibt es verschiedene Ansichten. Doch davon unabhängig, ist das Thema Forschungsdaten und deren Infrastrukturen sehr relevant für die tägliche Arbeit.
Den Bibliotheken fällt – insbesondere durch die Fachreferentinnen und Fachreferenten – die Rolle zu, als Ansprechpartner und Berater für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu fungieren. Fragen nach geeigneten Metadaten für Forschungsdaten und zu für das Fachgebiet geeigneten Repositorien sowie virtuellen Forschungsumgebungen werden im Alltag immer häufiger gestellt. Dabei sehen die Forschenden die Bibliotheken als genau die richtigen Ansprechpartner an, da diese sich seit jeher mit Metadaten beschäftigen und durch den Betrieb von institutionellen Repositorien in der Regel auch Publikations- und Archivierungsservices für Dokumente bereithalten.
Es verwundert daher nicht, dass das Thema Forschungsdaten einen wichtigen Teil im Programm des Bibliothekskongresses in Leipzig bildete. Ein aus meiner Sicht sehr wichtiger Beitrag wurde durch die Session „Forschungsdaten-Repositorien – Infrastrukturen zur dauerhaften Zugänglichkeit von Forschungsdaten“ am Montagmorgen (11.03.2013 09:00-11:30 ) geliefert.
Die Session gab eine Einführung in das Themenfeld und stellte Typen und Entwicklungen der heterogenen Landschaft der Forschungsdaten-Repositorien vor. Weiterhin wurden Stand und Entwicklung des von der DFG geförderten Projektes re3data.org vorgestellt und diskutiert. Das Projekt verfolgt das Ziel, Forschungsdaten-Repositorien in einem web-basierten Verzeichnis zu erschließen und so eine Orientierung über bestehende Datensammlungen zu bieten.
Am Beispiel der Aktivitäten der Humboldt-Universität zu Berlin stellte Elena Simukovic heraus, dass es für eine gute Forschungsdokumentation einer Kooperation zwischen dem Hochschulreferat für Forschung, der Bibliothek, dem Rechenzentrum und des jeweiligen Fachbereichs bedarf. Ferner sollte sich die Einrichtung ein Bild darüber verschaffen, wie sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Fachgebiete verteilen. Daraus können dann Schlussfolgerungen in Bezug auf die Notwendigkeit von eigenen institutionellen Forschungsdateninfrastrukturen gezogen werden. Denn eines dürfte schnell klar werden: eine allumfassende Versorgung bei der Sammlung und Archivierung von Forschungsdaten durch eine Universität ist kaum realisierbar. Diese Entwicklung zeigte auch Jana Porsche vom IST Austria in der Session „Forschungsdaten sammeln und strukturieren“ auf.

Es lässt sich resümieren, dass das Thema Forschungsdaten und virtuelle Forschungsumgebungen auf jeden Fall für wissenschaftliche Bibliotheken relevant ist. In welcher Form – ob eher beratend oder sogar als Infrastruktur – ist sicherlich von der jeweiligen Einrichtung anhängig.

Neue Wege der Erschließung
Neben Vorträgen rund um die Entwicklungen zum neuen Katalogisierungsregelwerk RDA (Resource, Description and Access) gab es auch Vorträge zu automatischen Erschließungsverfahren. Ich möchte hier den Workshop „Anwendung von Clustering-Verfahren zur Verbesserung und Analyse von Katalogdaten“ (13.03.2013 09:00-12:00) hervorheben. In diesem Workshop wurde anschaulich dargestellt, welche neuen Möglichkeiten die als Open Data veröffentlichten bibliographischen Metadaten in Bezug auf die Anreicherung und Korrektur derselbigen bieten. Als Beispiele wurden u.a. Statistiken und Analysen zur Verwendung von RSWK/RVK, der Aufbau von Konkordanzen zwischen Klassifikationssystemen oder die teilautomatische Normierung von bisher als Freitext erfasster Informationen genannt. Solche Verfahren werden mit der stetig wachsenden Verbreitung der Discovery Services bzw. der dahinter liegenden großen Indizes immer wichtiger, da diese Daten häufig weder normiert noch sachlich erschlossen sind.
In der Veranstaltung blieb es aber nicht nur bei Lippenbekenntnissen, sondern es wurde auch ein Open Source-Framework zur Verarbeitung von großen Metadatenmengen vorgestellt. Die Software Metafacture wurde im Rahmen des Projektes CultureGraph entwickelt und stellt ein niederschwelliges Framework zur Metadatenanalyse und Konvertierung dar.

Zukunft der Verbünde
Die Entscheidung über die Vergabe der DFG-Mittel zur Neuausrichtung überregionaler Informationsservices und insbesondere die Entscheidung, welche Richtung die Bibliotheksdateninfrastruktur und die lokalen Bibliothekssysteme (Ausschreibung „Themenfeld 1“) einschlagen sollen, sorgte doch an einigen Stellen für Diskussionen und sogar ein gewisses Knistern war zu vernehmen. Es konkurrierten hier zwei Ansätze, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Beide Ansätze wurden in der Session „Die Bibliotheksverbünde auf dem Weg in die Zukunft – Serviceleistungen und Dienste für Bibliotheken“ vorgestellt (13.03.2013 13:30-15:30) und teils kontrovers diskutiert.
Wer nun gewonnen hat, kann auf den Seiten der DFG nachgelesen werden. Ich enthalte mich jetzt hier weiterer Kommentare …

Weitere Informationen:
Empfehlungen zu einem Kerndatensatz Forschung des Wissenschaftsrates
Pressemitteilung der DINI zu den „Empfehlungen zu einem Kerndatensatz Forschung“
Beiträge BID 2013 im Opus-Server

Publizieren mal zeitgemäß

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Ich bin seit Jahren Anhänger der Open-Bewegung: Forschungsergebnisse insbesondere von aus öffentlich finanzierten Projekten und Einrichtungen müssen der Öffentlichkeit im Sinne der Open Definition zur Verfügung gestellt werden. Es kann nicht sein, dass der Steuerzahler mehrfach für solche Forschung bezahlen muss.

Je mehr die Verlage das Thema Open Access für sich entdecken, desto perversere Praktiken entstehen. Da werden Preprints mit dem Verweis auf die spätere offene Version nicht erlaubt, horende Kosten bei den Autoren erhoben und trotzdem die Subskriptionskosten nicht reduziert (und das, obwohl die Autoren sowieso schon die meiste Arbeit beim Publizieren leisten) …

Ich war bisher der Meinung, dass ich als Angehöriger einer wissenschaftlichen Bibliothek mit gutem Beispiel voran gehe, in dem ich meine Ergebnisse mindestens auf dem grünen Weg offen zur Verfügung stelle.
Leider stellt mir selbst die Publikationspraxis in der Bibliotheks- und Informationswissenschaft immer wieder ein Bein – und das, obwohl wir in unserer Branche immer als Prediger in Sachen Open Access auftreten …

Neben den Erfahrungen aus der Praxis stellte ich mir auch die Frage, ob diese Publikationspraxis eigentlich noch zeitgemäß ist. Diese Frage lässt sich sicherlich nicht verallgemeinernd beantworten.
Wir leben in einer Zeit, in der man quasi immer online ist, sich in sozialen Netzwerken bewegt und Fragestellungen in diesen Netzwerken oder bei Google, Bing und Co. versucht kooperativ und offen zu diskutieren. Immer häufiger sieht man, dass Forscherinnen und Forscher ihre Ergebnisse und Fragestellungen in Blogs dokumentieren und über die Kommentarfunktionen diskutieren. Gibt es eine bessere Art des Reviews?
In einer solchen Zeit scheint mir die klassische Publikationspraxis für aktuelle Forschungsergebnisse, gerade in einer relativ weichen Wissenschaft wie sie die Bibliotheks- und Informationswissenschaft ist, überholt zu sein.

Ich habe mich nun entschlossen, mit diesem Blog ebenfalls diesen Weg zu gehen. Der Vorteil liegt für mich vor allem darin, dass ich zeitlich unabhängig auch kleinere Ergebnisse meiner Arbeit (Themen meines Blogs) direkt der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen und diskutieren kann. Das soll allerdings nicht heißen, dass es nicht auch noch „old school“ Publikationen von mir geben kann 😉

In diesem Sinne freue ich mich auf Feedback!