Beispiel: FRBRoo für Sammelwerke und Sammlungen / Example: FRBRoo for Aggregation Works

Beispiel für / Example for: Sammelwerke, Sammlungen, mehrbändig begrenzte Werke und FRBRoo

Commercial Interchanges Between Greeks and Natives / Graham, Alexander John
In: Collected papers on Greek colonization / Graham, Alexander John (Hrsg.)
Leiden, Boston, Köln : Brill, 2001.

Graphische Darstellung / graphical representation

Sammelwerk Beispiel

Mögliche RDF-Darstellung / representation in RDF

siehe / see: example2.ttl

FRBRoo — Eine prozessorientierte Sicht auf bibliographische Informationen

Nachdem ich in FRBRoo — eine Anwendung meine Motivation in Bezug auf FRBRoo erläutert habe, werde ich im Folgenden die Publikationsformen mithilfe der FRBRoo dargestellen. Dabei stützt sich die Modellierung vor allem auf die Ereigniszentriertheit des CRM, wodurch die Schöpfungs-, Publikations- und Produktionsprozesse transparenter werden.

Für den Fall, dass der geneigte Leser die Definitionen der Publikationsformen nicht mehr so ganz auf dem Schirm hat, stelle ich sie nochmal kurz unter Verwendung des „Bibliothekrischen Grundwissens“ von Ganter/Hacker vor.

  • Einzelwerk
    Ein Einzelwerk ist eine in sich geistige abgeschlossene Schöpfung, die zur zusammenhängenden Veröffentlichung vorgesehen ist und in einem oder mehreren Teilen erscheint.
  • Sammlung
    Als Sammlung wird eine Veröffentlichung bezeichnet, in der zwei oder mehr Einzelwerke desselben Verfassers vereinigt sind.
  • Sammelwerk
    Unter Sammelwerk versteht man ein Buch mit mindestens zwei Einzelwerken von zwei oder mehr Verfassern.
  • Fortsetzungswerk
    Fortsetzungswerk nennt man eine mehrbändige Publikation, bei der die einzelnen Bände oder Teile nacheinander in zeitlichen Abständen
  • Fortlaufende Sammelwerke
    Wenn in mehreren Teilen erscheinende Sammelwerke keinen von vornhinein geplanten Abschluss haben, sondern […] ohne Begrenzung der Band- oder Heftzahl erscheinen, nennt man sie fortlaufende Sammelwerke. Dazu zählen Schriftenreihen (Serien) und Periodika (Zeitungen, Zeitschriften, zeitschriftenartige Reihen).

Die zentrale Rolle beim Mapping mit den FRBRoo stellt die Verfeinerung des Werk-Begriffs der FRBR dar.
Die Ausführungen in den originalen FRBR zu den Gruppe-1-Entitäten lassen in einigen Fällen verschiedene Interpretationen zu, die in Teilen zu logischen Inkonsistenzen führen. Insbesondere die Entität Work deckt mehrere Szenarien ab, die in der Realität verschiedene Eigenschaften haben. Die FRBRoo greifen diese Ungenauigkeit auf und definieren das Work als Superklasse und verfeinern diese dann durch Work-Begriffe, welche die verschiedenen Szenarien modellieren können.

Work-Hierarchie der FRBRoo

So entsteht beispielsweise eine Entität Serial Work, die zum einen den intellektuellen Anteil des Verlags berücksichtigt (Publication Work) und zum anderen eine Umgebung für die Aggregation anderer Werke bildet (Complex Work). Dabei ist die soeben genannte Aggregation nicht mit der Aggregation bei Sammelwerken zu verwechseln. Letztere findet auf der Ebene der Expressions statt. In den FRBRoo heißt es zu Aggregation Work:

This class comprises works whose essence is the selection and/or ar-rangement of expressions of one or more other works. This does not make the contents of the aggregated expressions part of this work, but only part of the resulting expression. F17 Aggregation Work may include additional original parts.

Somit fallen hierunter die Sammelwerke und Sammlungen.

Legt man nun die Publikationstypen nach dem bibliothekarischen Standardwerk von Gantert/Hacker zugrunde, so ergibt sich für die Publikationstypen das folgende Bild. Die Abbildung enthält zwei Typen von Relationen: Unter-/Oberklassen (subClassOf) und Teil/Ganzes-Beziehungen (hasPart). Letztere stellen dabei – die insbesondere im deutschen Bibliothekswesen starken – Verknüpfungen zu Überordnungen dar.

Verknüpfungen innerhalb der Publikationsformen

Diese Abhängigkeiten lassen sich nun auf die FRBRoo-Entitäten abbilden, wobei sich Publikationsformen FRBRoo-Entitäten „teilen“. Am Beispiel des fortlaufenden Sammelwerks sind dies die Serie/Reihe und das Periodikum, welche sich das Serial Work teilen. Der formale Unterschied zwischen Serien und Periodika ist „nur“ die Beschreibung der Erscheinungsweise. Diese kann aber in einem Modell, wie es die FRBRoo sind, durch die Verwendung entsprechender Vokabulare für die Attribute der Entitäten beschrieben werden.

Abbildung der Publikationsformen auf die Work-Entitäten der FRBRoo

Einzelwerke und die Akteure der Prozesse

Das CRM und somit die FRBRoo liefern durch ihre Ereigniszentriertheit für das Modell drei wesentliche Prozesse: den Schöpfungsprozess (realisiert durch das Ereignis F28 Expression Creation), den Publikationsprozess (realisiert durch das Ereignis F30 Publication Event) und den Produktionsprozess (realisiert durch das Ereignis F32 Carrier Production Event).
Die Beschreibung des Publikationstyps Einzelwerk stellt in einem gewissen Sinne ein Kernmodell dar. So werden darin die grundsätzliche Unterscheidung und die Zusammengehörigkeit der oben genannten Prozesse sichtbar. Die in diesen Prozessen verwendeten Entitäten und Relationen werden bei sämtlichen Publikationstypen wieder verwendet und den Gegebenheiten angepasst. Der Übersichtlichkeit halber wird das Modell in zwei Teilen präsentiert: dem Modell für die materiellen Konzepte und die Ereignisse sowie dem Modell der Akteure.

Einzelwerke

Die Linien der Schöpfungs- und Publikationsprozesse verbinden sich auf der Ebene der Expressions. Hier wird der Tatsache Rechnung getragen, dass der Verlag durch das Hinzufügen seines Layouts und sonstiger, ergänzender Teile die Expression und somit die Realisierung des Schöpfers anreichert. Diese erweiterte Expression wird dann in den Produktionsprozess weitergeleitet.

Aus der Sicht eines Bibliothekskatalogs sind in der Regel zum Schöpfungsprozess des Werks wenige bis keine Informationen bekannt. Die formalen Beschreibungen der Werksebene werden im Bibliothekskontext entsprechend auf der Seite des Publikationsprozesses abgelegt, d.h. insbesondere, dass der Titel, so wie er bei der formalen Erschließung erfasst wird, als Attribut zum F19 Publication Work gehört. Anders ist das bei der Zuordnung der Akteure des Schöpfungsprozesses. Hier ist bei der formalen Erschließung bekannt, dass die angegebenen Personen oder Körperschaften an der Realisierung der Expression mitgewirkt haben.

Die Akteure werden in dem vorliegenden Modell zum einen als Ausführende direkt an die Ereignisse angebunden (unter Verwendung der Relation P14 carried out by des CRM), zum anderen werden die Rollen der Akteure mithilfe des RDA-Vokabulars modelliert. (Das CRM liefert selber auch eine Möglichkeit, den Ausführenden eines Ereignisses eine Rolle zuzuordnen. Und zwar sieht das CRM eine Relation P14.1 in the role of der Relation P14 carried out by vor. Dieses Konstrukt ist in dieser Form aber nicht RDF-konform und müsste durch die Modellierung eines sogenannten Blank-Nodes aufgelöst werden. Da die Verwendung von Blank-Nodes in der Praxis nicht unbedingt empfohlen wird (Vgl. z.B. Heath, Tom u. Christian Bizer: Linked Data. Evolving the web into a global data space. 1. Aufl. San Rafael, Calif: Morgan & Claypool 2011, 2.4.1) und das Bibliothekswesen mit den RDA eine geeignete Alternative hat, wird diese hier auch verwendet.)

Akteure

Die Abbildung zeigt die Verwendung eines weiteren Modells, den FRBRentitesRDA. Hierbei handelt es sich um die Definition der FRBR-Entitäten aus dem RDA-Modell. An dieser Stelle soll nun die Verbindung der Modelle genauer aufgezeigt werden.
Die FRBRoo greifen wie oben erwähnt die Schwachstellen der FRBR auf und versuchen diese zu beheben. Dabei verlassen sie aber nie das Grundvokabular der FRBR-Entitäten. So bleiben die Entitäten Work, Expression, Manifestation und Item in FRBRoo erhalten und bekommen nur die CRM-typische Nummer verliehen. Auch die RDA basieren auf den Konzepten der FRBR. Somit sind die vier Entitäten der FRBR-Gruppe 1 in allen drei Modellen äquivalent bzw. im Fall von F3 Manifestation-Product Type und F4 Manifestation Singleton in FRBRoo abgeleitet. Diese Feststellung ist insofern wichtig, dass es nur dann möglich ist, Relationen und Attribute aus verschiedenen Modellen und Ontologien zu benutzen, wenn die Entitäten in der beschriebenen Weise zusammenpassen.

In der hier vorgestellten Modellierung werden die Entitäten der FRBRoo mit denen der FRBRentitiesRDA „gematcht“, um nicht sämtliche Metadaten zu den Instanzen als CRM oder FRBRoo-Tripel zu beschreiben, was den Graph in seiner Größe förmlich explodieren ließe. Der Vorteil hierbei ist, dass ab einer bestimmten Tiefe des Graphen nur noch bereits bekannte und hoffentlich standardisierte Metadaten verwendet werden.
Verwendet man nur das CRM, so müssen für Aussagen sehr viele Tripel erzeugt werden, bis die Semantik klar ausgedrückt wird, wodurch sehr große Graphen entstehen. Um diese Graphen kleiner zu halten, wird mittels Ontology Alignement ein Mapping zu Modellen erzeugt, die für die gleiche Aussagekraft kürzere Wege erlauben. So entsteht ein durch das CRM zusammengehaltener Graph, dessen Knoten durch fachspezifische Ontologien beschreiben werden.
Auch Mazurek, Cezary et al. berichten in ihrem Beitrag From MARC21 and Dublin Core, through CIDOC CRM. First Tenuous Steps towards Representing Library Data in FRBRoo. von dieser Problematik. Sie zeigen in ihrem Beitrag an einem Beispiel, wie kleinteilig diese Art der Modellierung wäre.

Das bisher beschriebene Modell soll durch ein Beispiel verdeutlicht werden.

In den nächsten Beiträgen zeige ich dann, wie das bei Sammelwerken, Sammlungen und den zugehörigen Beitragen sowie bei mehrbändig begrenzten Werken aussieht.

Weiterlesen:

Beispiel: FRBRoo für Einzelwerke / Example: FRBRoo for Individual Works

Beispiel für / Example for: FRBRoo — Eine prozessorientierte Sicht auf bibliographische Informationen

FRBR : a guide for the perplexed / Maxwell, Robert L.
Chicago: American Library Association, 2008.
VII, 151 S. : graph. Darst.
ISBN: 978-0-8389-0950-8, 0-8389-0950-7

Graphische Darstellung / graphical representation

Einzelwerk_Beispiel

Mögliche RDF-Darstellung / representation in RDF

siehe / see: example1.ttl

FRBRoo — eine Anwendung

In den letzten Jahren habe ich mich im Rahmen des von der DFG geförderten Projektes „ArcheoInf – Informationszentrum für die Archäologie“ mit dem CIDOC CRM und der zugehörigen Erweiterung FRBRoo beschäftigt.

Ziel des Projektes war es, „Primärdaten archäologischer Forschung, die bisher in heterogenen Datenstrukturen vorgehalten wurden, unter Wahrung ihrer Autonomie in einer gemeinsamen Umgebung web-basiert verfügbar“ zu machen. Mit den archäologischen Primärdaten sollten bibliothekarische Informationen und Dienstleistungen sowie geoinformatisches Datenmaterial verbunden werden.

Aufgrund der als „Best Practice“ einzuordnenden Erfahrungen aus den britischen Strukturen zur Erhaltung des kulturellen Erbes (z.B. English Heritage, British Museum), war uns sehr früh bewusst, dass ein System wie ArcheoInf nur auf Basis des CIDOC CRM gelingen kann.

Was ist das CIDOC CRM?

Beim CIDOC Conceptual Reference Model handelt es sich um eine Norm (ISO 21127:2006) für den kontrollierten Austausch von Informationen im Bereich des kulturellen Erbes. Die Ontologie soll unter anderem von Archiven, Bibliotheken und Museen zur Verbesserung der Verfügbarkeit von Wissen angewandt werden. Es wurde vom CIDOC, einem der 30 internationalen Komitees des International Council of Museums (Internationalen Museumsrats, ICOM) entwickelt.

Mit dem CIDOC CRM wird das Ziel verfolgt, die vielfältigen Informationen im Bereich des kulturellen Erbes gemeinsam zu erfassen und einen allgemeinen Rahmen ihrer formalen Semantik zur Verfügung zu stellen, damit jede Information dieses Bereichs den Begriffen des CIDOC CRM zugeordnet wer-den kann. Auf diese Weise werden wichtige Voraussetzungen für die Informationsintegration geschaffen, da auf der Grundlage des CIDOC CRM Werkzeuge zur Schematransformation und -integration entwickelt werden können.

Das CRM beruht auf zwei Hierarchien von Entitäten und Eigenschaften und erlaubt ein hohes Maß an semantischer Präzision. Es eignet sich daher als eine Art Zwischenformat, dessen Verwendung die Anzahl der notwendigen Mappings dramatisch reduziert, wenn verschiedene Quellformate und mehrere Zielsprachen benötigt werden. Die wichtigste Eigenschaft des CIDOC CRM ist allerdings die Ereigniszentriertheit, d.h. es wird davon ausgegangen, dass jedes Objekt nur dann existiert, wenn vorher ein Ereignis stattgefunden hat, welches das Objekt zum Resultat hat.

Aber es fehlen Strukturen für bibliographische Daten!

Das CRM erlaubt Mappings beliebiger Datenmodelle. Für einige der im Bereich des kulturellen Erbes einschlägigen Modelle liegen generische Mappings vor, die von den Entwicklern des CRM veröffentlicht wurden. Die im Rahmen des CRM-Entwicklungsprojekts entworfenen Mappings für Dublin Core (DC), Encoded Archival Description (EAD), Lightweight Information Describing Objects (LIDO) und anderer Modelle und Formate orientieren sich an den im CRM-Entwicklungsprozess ausgearbeiteten Empfehlungen.

FRBRoo ist die objektorientierte Version der FRBR (siehe auch Tillet: What is FRBR? und Wiesenmüller: Zehn Jahre ‚Functional Requirements for Bibliographic Records‘) und ermöglicht die gemeinsame Darstellung von Bibliotheks- und Museumsdokumentation. Damit ist es möglich, interoperable Informationssysteme für alle Nutzerinnen und Nutzer zu implementieren, die ein Interesse daran haben, auf gemeinsame oder verwandte Inhalte kultureller Einrichtungen zuzugreifen.

Mit der Entwicklung der FRBRoo ging eine gegenseitige Anreicherung der FRBR und des CIDOC CRM einher:

  • Ergänzung der FRBR um Zeit und Ereignisse,
  • begriffliche Abklärung der Entität Manifestation,
  • explizite Modellierung von Aufführungen und Aufzeichnungen, die in den FRBR erwähnt sind,
  • Ergänzung des CRM durch die Entität Werk und
  • Ergänzung des CRM durch einen Identifikator-Vergabeprozess.

FRBRoo fügt damit den FRBR die dynamischen Aspekte des CRM hinzu. Ferner erlaubt es, aufgrund der netzartigen Struktur des CRM, bibliographische Informationen in Linked Data Kontexte zu übertragen.

FRBR, Serials und die fehelende Manifestation

Spätestens mit der Frage nach „FRBR and Serials“ innerhalb des lobid.org-Projektes des hbz, habe ich mich entschlossen, mehr über meine Ergebnisse zum CRM und zu FRBRoo zu berichten.

In den nächsten Beiträgen dieses Blogs werde ich auf Basis der Publikationsformen nach dem bibliothekarischen Standardwerk „Bibliothekarisches Grundwissen“ die Sichtweise der FRBRoo darstellen und zeigen, dass die Fragestellungen bzgl. der „Serials“ sich damit beantworten lassen.

Weiterlesen: